< Pressestimmen: Goethe: Faust

Das Teuflische wohnt in uns selbst

Basel. Was nicht im «Faust» steht, steht im «Hamlet», sagt man gerne scherzhaft über die Fülle der Zitate in diesen beiden Klassikern von Goethe und Shakespeare. So ist es nur folgerichtig, dass der Schüler, der zu Doktor Faust kommt, um «was rechts» zu lernen, zunächst mit einem Totenschädel in der Hand den dänischen Prinzen zitiert: «Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.» Und wenn Mephisto in Helmut Förnbachers neuer «Faust»-Inszenierung im Theater im Badischen Bahnhof gegenüber Marthe Schwerdtlein erstmals über Faust redet, wird aus dem «feinen Gesellen» ein «Gentleman».

Es ist dieser Schuss Ironie, dieser gelegentlich schalkhafte Umgang mit Goethes Zeilen, der die Aufführung zusätzlich unterhaltsam macht – neben der nie abfallenden Spannung, der sorgfältigen Präsentation des klug gekürzten Textes. Da wird weder deklamiert noch werden die berüumten Verse auf künstliche Weise «unkünstlich» - und damit unverständlich – gemacht, wie es so oft geschieht, nein, es wird trocken und ohne Pathos, durchsichtig und klar gegliedert gesprochen. Das beste Beispiel ist der Eingangsmonolog: Da räsoniert ein unzufriedener Wissenschaftler, hadert mit seiner Gespaltenheit zwischen Lebenslust und Lebensüberdruss. Helmut Förnbacher, der selbst den alten Faust spielt, gewinnt die Zuhörer sofort, füllt die bekannten Worte mit neuer Kraft.

Zwei Seelen
Die Studierstube: ein Stuhl, Bücher, ein Spiegel. Das genügt – in späteren Szenen wird die Bühne noch leerer sin. Das zentrale Requisit ist die Sprache. Aber der Spiegel ist wichtig, denn darin erscheint Mephisto – der Teufel ist ein Spiegelbild des alten Faust, dessen spottendes, böses und intrigantes anderes Ich. Und so vollzieht sich vor dem Spiegel, in dem auch die Hexe erscheint, Fausts Verjüngung – ebenso wie die Trennung seiner beiden «Seelen». Falk Döhler spielt den verjüngten Faust als Getriebenen, kopflos Verliebten, kaltschnäuzig und ohne Verantwortungsgefühl – gelenkt von Mephisto, und das ist nun Förnbacher, der sich aus dem alten Doktor in den «Geist, der stets verneint» verwandelt hat. Das ist spannend, lässt anklingen, dass «das Teuflische» oft genug in uns selbst wohnt.

Die Gretchen-Tragödie
Mephisto führt Faust in Ausschweifungen, Liebestaumel – und Gretchen ins Verderben. Dora Balog spielt Gretchen anfangs mit entwaffnender, fast kindlicher Unschuld, ahnungslos und trotz ihrer Religion – die berühmte Frage kommt leichthin, wie zufällig – wird sie verführt. Doch später hört man es ihr an: Diese «Ruh» ist wirklich hin, das Mädchen brennt, kennt keine Vorsicht. Die junge Schauspielerin, die uns als Alkmene in Kleists «Amphitryon» noch nicht ganz überzeugt hat, steigert sich hier bis zur Kerkerszene in ein bewegendes Spiel, auch im traurigen Aufschrei plötzlich Kind, im Wahn in Gestik und Sprache verzweifelt – und glaubhaft. Mit ihr wird «Faust» vollends zur Tragödie Margarethes.

Nicht unschuldig daran ist die Kupplerin Marthe, von Kristina Nel – mit französischem Akzent – durchtrieben komisch gespielt (sie erscheint auch als Hexe und im Saufgelage in Auerbachs Keller). Der Komponist David Wohnlich hat nicht nur die stimmige Begleitmusik geschaffen, sondern tritt auch selbst in mehreren kleinen Rollen auf, etwa als engstirniger Streber Wagner. Dieter Mainka lässt (am Anfang) für die Zueignung und für den Erdgeist seine Stimme hören. Lea-Sina Bühler ist unter anderem als Student und als Irrlicht zu sehen. Die Hauptrolle in der Walpurgisnacht-Szene (mit viel eher unfreiwillig komischem, harmlosem Betrieb und Lichtergefunkel) spielen die deftigen Zeichnungen des Dresdner Künstlers Holger John. Der Menschheit eitle Fratze und ganzer Jammer.

Thomas Waldmann