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Heisenberg - ein wunderbares Stück - zwei wunderbare Schauspieler... das muss man sehen.

Donnerstag, 03. Juni 2021

Gegensätze ziehen sich an

It takes two to tango. Es gehören immer zwei dazu. Es braucht zwei wie Georgie und Alex, die in der definitiv letzten Premiere im Basler Förnbacher Theater vor den Bauarbeiten im Badischen Bahnhof zwar nicht Tango tanzen, aber im Walzertakt selig in die Herzen des Publikums entschweben, das sich glücklich wähnt, endlich wieder einmal Theaterluft zu schnuppern und ein lange vermisstes Bühnenerlebnis zu genießen

Es braucht zwei für ein Spiel – in einer Screwball-Komödie wie „Heisenberg“ sowieso. Simon Stephens, einer der meistgespielten britischen Gegenwartsautoren, hat ein Stück geschrieben, das aus der Reihe tanzt: eine bewegt-bewegende Selbsterfahrungskomödie für ein ungewöhnliches Paar. Es ist eine Art Versuchsanordnung, ausgehend von der Heisenbergschen Unschärferelation. Aber das ist Quantenphysik und kein Theater. Der Theaterautor als Teilchenforscher und die Liebe als Teilchenbeschleuniger. Also ein physikalisches Experiment auf der Bühne, bestens besetzt mit Helmut Förnbacher und Dora Balog, die aus diesem emotionalen Zwei-Personen-Stück ganz nach Werner Heisenbergs Unschärfeprinzip agieren. 

Ungewöhnliches Paar: Pedant trifft auf Chaotin

Er, Alex, ein alternder Metzger, 75 mittlerweile, misstrauisch und etwas verschlossen, in sich gekehrt, aber ein kultivierter Mann mit Musikverstand, der Bach liebt, aber auch Heavy Metal hört, und Tagebuch schreibt. (Sie über ihn: „Metzger? Nie im Leben!“). Sie, eine unberechenbare, exaltierte, temperamentvolle Mittvierzigerin, die wie ein Wasserfall redet und das Blaue vom Himmel herunter lügt, in schönster Unschärferelation sich darstellt, entwaffnend, unverschämt. Ein herrliches Komödien-Gegensatzpaar: Pedant trifft auf Chaotin.

Dass Georgie Alex im Bahnhofsbistro verwechselt hat und ihn deswegen in den Nacken küsst, kann der Zuschauer bald als Fake ablegen. Denn diese Begegnung ist kein Zufall, sondern ein abgekartetes Spiel. Ihr Plan ist: Sie will ihn um 15 000 Pfund erleichtern. Aus diesen zwei „Teilchen“ wird aber dann doch – vielleicht – ein Liebespaar. Da muss man dem Vater der Quantentheorie dankbar sein, dass er diesem charmanten Boulevardstück quasi die wissenschaftliche Grundlage gibt, die immer wieder mal in der Handlung auftaucht. Jedes Ding wird, je weiter man sich ihm nähert, unscharf.

Unter der Regie von Förnbacher selber sieht man ein spannendes, interessantes und einfühlsam inszeniertes Konversationsstück, bei dem die beiden Darsteller wie Schachspieler die Züge setzen. Sie beobachten sich und reagieren spontan aufeinander. Sie taucht plötzlich vor seinem Metzgerladen auf, er landet unversehens bei ihr im Bett. Und bringt ihr das Geld in einer Tüte in der Mittagspause, die sie auf einer Parkbank verbringt.

Irgendwann merkt man, dass diese beiden doch eine ähnliche Geschichte und Enttäuschungen hinter sich haben. Er trauert noch immer seiner Jugendliebe nach, die ihn wegen eines anderen verlassen hat; sie erzählt von ihrem Ex-Mann und ihrem verschwundenen Sohn, behauptet, Killerin oder Kellnerin zu sein, aber ob das alles stimmt, bleibt offen. Man spürt zunehmend, dass es ihnen zusammen besser geht als jedem allein, obwohl er Bindungsängste hat wegen des großen Altersunterschieds und zu ihr sagt: „Ich bin viel zu alt für dich“.

Helmut Förnbacher spielt den Einsamen mit Anzug und Hut ein bisschen wie den berühmten Handlungsreisenden, hängt sich aber auch mal die Schürze mit „Alex“ um, und sogar zum ersten Mal im Leben stolz eine Jeansjacke. Förnbachers Alex hat ein feines Gemüt, ist kein ungeschlachter Schlachtertyp, sondern intellektuell – eine ideale Rolle für einen Charakterdarsteller wie ihn. Dora Balog ist impulsiv, ein echtes Energiebündel, redet unverblümt daher, ist anstrengend, aber bezaubernd in ihrer Direktheit.

Förnbacher inszeniert behutsam die Stimmungswechsel zwischen Clinch, Herzschmerz und anderen Gefühls- und Seelenlagen. Der Theaterbesucher hat viel Empathie für beide und ihr Spiel zwischen Komik und Ernst, sieht ihnen zu, wie sie die Requisiten auf offener Bühne selbst umbauen, schaut auch gern auf die schönen Projektionen mit Stadtbildern aus London und New York, freut sich an dem leichten, lockeren Tonfall der Komödie, dem guten Timing der Pointen und dem Happy End im doppelten Sinn – nicht nur für das Paar auf der Bühne, sondern für das Theaterstück an sich, das es nach fünf Monaten Zwangspause und im fünften Anlauf endlich zur Premiere geschafft hat! Was lange währt, wird endlich gut.

Theater sucht einen neuen Spielort

Hoffentlich passt dieser Satz auch auf die noch ungewisse Zukunft des Förnbacher Theaters, das die Theaterhalle im Badischen Bahnhof nach dieser Saison im September verlassen muss und immer noch einen neuen Spielort sucht.  

Jürgen Scharf Die Oberbadische