< Aktuell

"Die Niere" - die Komödie zum Reinbeissen von Erfolgsautor Stefan Vögel

Samstag, 17. Oktober 2020

Tut er es – oder tut er es nicht?

Die Oberbadische,  16.10.2020  

Von Jürgen Scharf

Organspende ist nicht lustig. Aber dass eine Komödie um das todernste Thema Transplantation lustig sein kann, zeigt „Die Niere“ des österreichischen Erfolgsautors und Kabarettisten Stefan Vögel, dem meistgespielten Komödiendichter im deutschen Sprachraum, von dem das Förnbacher Theater schon die „Herbstzeitlosen“ im Repertoire hatte.

Dass „Die Niere“ laut Bühnenjahrbuch nach dem „Sommernachtstraum“ das am häufigsten gespielte Theaterstück auf deutschen Bühnen ist, muss ja einen Grund haben. Warum sie so „zündet“, sieht man bei Förnbacher, wo diese Boulevardkomödie als dritte Premiere in der letzten Spielzeit in der Theaterhalle im Badischen Bahnhof auf dem Spielplan ist.

Die Frage ist: Tut er es – oder tut er es nicht? Nämlich seiner Ehefrau eine Niere spenden? An dieser Antwort Ja oder Nein oder Jein entbrennt ein Streit, der zum Ehekrach wird. Die andere Frage ist: Wie viel Drama verträgt ein unterhaltsames Boulevardlustspiel und wie viel Komödie ein ernstes Thema?
 

Bei dem Treffen zweier befreundeter Paare erkennt man das bekannte Strickmuster der französischen Stardramatiker Yasmina Reza und Eric Emmanuel Schmitt. An sie erinnert die labile Paarsituation. Es geht um Loyalität und Abhängigkeiten in Beziehungen.

Da ist der Stararchitekt Arnold, der in Paris ein Prestigeobjekt baut, einen Wolkenkratzer, dessen Modell er im Wohnzimmer anhimmelt. Und da ist seine Frau Catherine, die eine neue Niere braucht. Ist Arnold, der dieselbe Blutgruppe hat, für eine Spenderniere bereit? Die heikle Frage wird zwei Stunden für witzige Dialoge, Sticheleien und Hahnenkämpfe sorgen. Zumal Freund Götz sich spontan zu einer Lebendspende bereiterklärt. Frau Diana ist zwar dagegen, muss aber dummerweise eine Affäre vertuschen. Und Arnold wettert über die „schwarze Nikotinniere“ seines Freundes.

Bei soviel schwarzem Humor und frechen Pointen („Eine Organspende ist intimer als Beischlaf“) sorgt allein schon die Ausgangssituation für genügend Konfliktstoff und eine Spannungskurve bis hin zur Eskalation.

Regisseur Helmut Förnbacher, der den Plot in einer schicken Designerwohnung mit gehobener Ausstattung samt Bildern von Klee und Modigliani an den Wänden und einer Nana von Niki de Saint-Phalle ansiedelt, lässt die Streithammel in einer ebenso ehrlichen wie direkten, eleganten wie zügigen Inszenierung aufeinander treffen – was herrlich vergiftete Konversationen über Organspenden und Eheprobleme ermöglicht und durchgehend zu amüsieren weiß.

Kristina Nel stellt als eine stolze, überhebliche, ja hinterhältige Catherine ihren Ehemann, der sie hintergeht, richtig fies auf die Probe. Philipp Steiner kehrt den selbstgefälligen Erfolgstyp heraus, dem das medizinische Problem aber doch „an die Nieren“ geht, und nimmt die Rolle als Steilvorlage für Schmollen und Weinerlichkeit. Kristina Malyseva ist die sinnlich mit ihren Reizen wuchernde, fremdgehende Apothekerin Diana, die sich über den „phallischen“ Diamond Tower lustig macht, Falk Döhler der eifersüchtige Gockel. Die eigentliche Überraschung mit einer unerwarteten komödiantischen Volte kommt am Schluss, und Madames Migräne ist verschwunden. Ist das nicht wunderbar?