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Julius Caesar - Shakespeares Meisterwerk - topaktuell und absolut spannend.

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Von Macht und Tyrannei

Die Oberbadische von Jürgen Scharf

Obwohl es selten auf den Spielplänen erscheint, hat Shakespeares Drama „Julius Cäsar“ einiges an politischer Brisanz und Aktualität aufzubieten. Stellt sich in dem spannenden Politthriller aus dem alten Rom doch die Frage, ob man einen Machthaber im Hinblick auf das Staatswohl entmachten darf.

Es geht um den Meuchelmord an dem Alleinherrscher Cäsar. Bei der Vorstellung im Förnbacher Theater ist diese Szene eine gemäßigte. In der Theaterhalle im Badischen Bahnhof findet kein Gemetzel statt, wenn die Verschwörer den Despoten umbringen. Dafür symbolisieren rot gefärbte Blätter, die die Mörder aus einem Kelch auf den stürzenden Cäsar werfen, das Blutvergießen.

Bald darauf kommt es zu jener berühmten Stelle, der Leichenrede von Marc Anton auf dem Forum, die zu einer denkwürdigen Anklage gegen die „Mörder“ wird, mit der dieser Volkstribun die Römer emotionalisiert: ein geschicktes politisches Manöver. Der staatsmännische Monolog des ausgebufften Demagogen zeigt, wie manipulierbar das Volk ist, das zuerst noch seinen „Befreiern“ zujubelt, dann aber gegen sie revoltiert.

 Dieser Alleinauftritt ist auch in der Inszenierung von Helmut Förnbacher einer der Höhepunkte, ein großer theatralischer und dramaturgisch wichtiger Moment. Förnbacher selber ist in der Rolle des Marc Anton zu sehen, und es gelingt ihm, die Bedeutung der Selbstinszenierung als Mittel des politischen Handelns und die Kraft dieses Textes, der ja ein raffinierter Planungs- und Entscheidungsmonolog ist, wirkungsvoll auszuspielen. Blendend seine Rhetorik, mit der er das Volk aufwiegelt. Vor ihm liegt der tote Cäsar aufgebahrt. Marc Anton zeigt auf das blutbefleckte Hemd, zückt einen Brief Cäsars als dessen Testament, in dem dieser wohl alles dem Volk vermacht – eine rhetorisch brillante Rede, die Cäsars angebliche Liebe zum Volk preist.

Neben diesem Paradestück der Rezitation hat der Brutus die zentrale Rolle, große Gewichtung und die meisten Auftritte in Shakespeares Frühwerk. Eigentlich die Figur der persönlichen Integrität, ein Idealist – Cäsar ist sein väterlicher Freund – macht Brutus bei der Verschwörung nur mit wegen Rom, weil er die Machtbesessenheit des Imperators sieht, der auf dem Capitol die von Marc Anton drei mal angebotene Königskrone zum Schein ablehnt.

Stück ist relevanter als je zuvor

Matthias Klausener stellt den edlen Brutus mit dessen moralischer Rigidität und politischer Verblendung genial dar. Er weiß um den Zwiespalt Loyalität – eine tragische Gestalt. Cassius (Falk Döhler als Heißsporn) sät den Zweifel in Brutus, und so werden sich die „ehrenwerten Männer“ an den berühmten „Iden des März“ (Monatsmitte) zum Tyrannenmord verabreden.

Nach Cäsars Tod kommt es zur Entscheidungsschlacht bei Philippi. Zwei Heerlager stehen sich hier gegenüber. Spätestens, wenn Feldherr Marc Anton die Lage mit einem Feldstecher beobachtet, weiß das Publikum im Förnbacher-Theater, dass diese Römertragödie nicht als Toga- und Sandalenstück inszeniert wird.

Das Setting ist zeitlos. Daher ist es schlüssig, dass das Stück minimalistisch ausgestattet ist, mit einem sehr reduzierten Bühnenbild und heutigen Kostümen, schwarzen Anzügen, Militärlook, Bomberjacken. Das Drama, das im Original nahezu fünf Stunden dauert, hat Förnbacher auf zwei Stunden verknappt, die komplizierte Dramaturgie gestrafft, es verständlich neu übersetzt sowie auf die Kernhandlung, die Kernfiguren, den politischen Machtkampf und die Tricks der Massenmanipulation konzentriert.

Dieter Mainka in der Titelrolle trägt als Cäsar auch keine traditionelle Tunika und keinen Lorbeerkranz, sondern martialischen Ledermantel oder seidenen Hausmantel, während Förnbacher als Marc Anton sich in einen mondänen Pelzmantel wirft. Kristina Nel ist gleich in mehreren Rollen zu erleben, sie wechselt zwischen blonder und schwarzer Perücke als Gemahlin des Brutus und des Cäsar. Auch Percy von Tomei sieht man in verschiedenen Rollen, denn die Förnbacher Company kann natürlich nicht 40 Figuren einzeln besetzen.

Alles in allem ist dieses Drama in Förnbachers Inszenierung mehr als ein historisches Ereignis im alten Rom, vielmehr ein Spiel über die Verhältnisse von Macht und Tyrannei und gewinnt in der modernen Fragestellung noch an Aktualität. Cäsar ist zwar früh tot, aber das Stück ist sehr lebendig und heute vielleicht relevanter als je zuvor.