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Carl Sternheim «Die Hose». Scharfzüngig, doppelbödig und absurd. Schlichtweg genial.

Montag, 10. Juni 2019

Dramatische Doppelmoral

Basel. Die Kaiserhymne „Heil dir im Siegerkranz“ ertönt, während die Bühne eine Fotografie aus der wilhelminischen Kaiserzeit beherrscht. Da poltert Theobald Maske ins Haus, und es folgt sein erster Wutausbruch. Ist doch der Gemahlin Luise partout bei einer kaiserlichen Parade aus Versehen ihre Damenunterhose gerutscht!

Fast ein politischer Eklat. Bei der Prüderie im Kaiserreich durfte so ein Missgeschick nicht passieren. Sieht doch der Staatsbeamte Maske damit schon seine Karriere ruiniert. Wegen des pikanten Kleidungsstücks ergießt sich sein heiliger Zorn über Luise. Maske weiß aber aus dieser Bredouille ein Geschäft zu machen, indem er an zwei Untermieter vermietet, die Zeugen dieses Malheurs waren und sich in die Frau verguckt haben.

Diese banale Szene ist der Zündstoff für Carl Sternheims seinerzeit viel belachtes, aber heute nur noch selten gespieltes bürgerliches Lustspiel „Die Hose“, der zweiten Saisonpremiere im Förnbacher Theater in Basel. Allein der Titel war damals ein Skandal – und das Stück wurde zensiert.

Sternheim hat die bourgeoise Gesellschaft satirisch seziert. Die Gestalten reden sehr geschwollen daher, in einer verkrampften, abgehackten, schnoddrigen Sprache, wie schnarrendem Offiziersdeutsch.

Verena Buss, die wieder einmal inszeniert, lässt diese depeschenartige Sprache expressionistisch stehen. Bei ihr muss man immer auf die Zwischentöne und die Bilder achten, etwa auf die am Boden liegende Leiter, über die alle Darsteller balancieren müssen, und die als Sinnbild für Treppe dient. Die Regisseurin arbeitet einmal mehr mit Projektionen, während sie den Raum nur mit Tisch, Stuhl und Bett ausstaffiert. Das stereotypische gesellschaftliche Verhalten der Figuren analysiert Buss kalt, erbarmungs- und schonungslos. Wobei man sicher fragen darf, ob uns diese Typen heute noch etwas angehen.

Matthias Klausener tritt als Theobald Maske weniger gewalttätig als rechthaberisch, militärisch zackig (mit dem Soldatenlied „Ich hatt’ einen Kameraden“) und unüberhörbar antisemitisch auf. Ein Egoist, ein Unsympath, ja, ein Ekel, frauenverachtend, geld- und geltungssüchtig. Die häusliche Gewalt wird jedoch nicht so thematisiert, wie man das könnte; es wird weder geprügelt noch geohrfeigt.

Die Luise von Kristina Malyseva ist eine Verträumte, es scheint alles an ihr abzuprallen.Vielleicht ist sie nach dem ersten Ehejahr schon desillusioniert. Da kommt ihr der virile Dichter Scarron (ein affektierter Geck: Lothar Hohmann) gerade recht, während sie den kränkelnden Barbier Mandelstam (leidend gemimt, mit dem Kopf unter der Bettdecke: Fabian Horn) abweist. Mit den beiden komischen Nebenbuhlern, die sich unter windigem Vorwand einschleichen, hat der Kraftmeier Maske, der sich derweil mit der neugierigen Nachbarin (Kristina Nel) vergnügt, leichtes Spiel.

Das ist alles nicht bloß lustig inszeniert, sondern wirklich als böse Satire. Man kriegt in der Theaterhalle im Badischen Bahnhof keinen Schwank zum Schenkelklopfen serviert, sondern ein vielschichtiges Schauspiel, ebenso schneidig im Spiel wie in der unbarmherzigen Sprache. Verena Buss treibt das Demaskierungsverfahren so weit, dass die Doppelmoral drastisch entlarvt wird. So „modern“ inszeniert, ist dieses Stück heute wieder bühnenwirksam. Man verlässt die Vorstellung und merkt, dass einem das Lachen meist im Hals stecken geblieben ist.

Von Jürgen Scharf (Die Oberbadische)