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"Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg"... - ein fulminantes Theater-Spektakel

Donnerstag, 21. Februar 2019

Irrwitziges, temporeiches Abenteuer

 Was für eine Odyssee! Da kraxelt er durch den Himalaya, taucht im Russen-U-Boot, landet im Gulag, gibt dem „Vater der Atombombe“, Robert Oppenheimer, in Los Alamos den entscheidenden Tipp und flieht als Greis auf abenteuerliche Art aus dem Altenheim. Ach ja, ein Gangstersyndikat und eine Elefantendame sind auch noch dabei. Blühende Fantasie? Der Stoff, aus dem der Bestseller-Roman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ des Schweden Jonas Jonasson ist.

Die Helmut Förnbacher Theater Company hat sich mit dieser abstrusen (Lebens-)Geschichte des Allan Karlsson, so der Name des Hundertjährigen, ein ganz besonderes Stück von Literaturtheater ausgesucht. In der Titelrolle des ausgebüxten Methusalems ist der 84-jährige Kölner Schauspieler Jupp Saile zu erleben. Er hat über 60 Jahre Bühnenerfahrung auf dem Buckel und mimt den eigensinnigen, schrulligen Alten liebenswert, mit viel verschmitztem Humor und der Gelassenheit des Alters. Saile ist der Einzige, der „nur“ eine Rolle hat, die anderen sieben Darsteller teilen sich an die 50 Rollen.

Da ist schneller Wechsel angesagt, für den Sandra Rudin Förnbacher in ihrer temporeichen Inszenierung sorgt. Kleider- und Rollenwechsel auf offener Bühne, die Garderobenstange mit den Kostümen ist sichtbar. Das Motto heißt: auf die Tube drücken, Tempo, Tempo! Die Darsteller kommen bei diesem Stück ganz schön ins Schwitzen. Fahren bei der Flucht kreuz und quer durch Schweden, mit der Draisine oder dem Fahrrad-Taxi, der alte Herr hinten drauf, sein Zufallsfreund, der Gelegenheitsdieb Julius, auf dem Nebensitz. So kurven sie über die Bühne in der Theaterhalle im Badischen Bahnhof. Verfolgt vom Kommissar auf dem Fahrrad.

Die junge Regisseurin arbeitet mit filmischen Mitteln, mit Video, Projektionen, schnellen Schnitten, und schafft es, dass diese urkomische Flucht zu einer schnellen Zeitreise wird. Dazu passt gut die filmhafte Musik von David Wohnlich, die diese Episoden untermalt. Das Bühnenbild ist sparsam und minimalistisch: ein Fensterrahmen, aus dem Karlsson in der ersten Szene steigt.

Als wäre das nicht schon abenteuerlich genug, sorgt die unterhaltsame Parallelhandlung dafür, dass es keine Minute langweilig wird. Am Fließband kommen Figuren der Zeitgeschichte auf die Bühne: Stalin, Truman, Franco, Mao. Der alte Allan blickt auf die Weltgeschichte zurück und die Rolle, die er darin gespielt hat. War er doch in die wichtigsten politischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts verwickelt! Mit Präsident Harry S. Truman war er auf Du und Du, im Spanischen Bürgerkrieg hat er sich als Sprengstoffexperte die Freundschaft von General Franco erobert, Winston Churchill hat er das Leben gerettet und so weiter.

In diesem figurenreichen Verwirrspiel schlägt sich das Ensemble wacker; die Charaktere sind erfasst, die Pointen sitzen, nicht ganz unwichtig bei diesen skurrilen Figuren, der überschäumenden Fantasie und der aberwitzigen Story. Falk Döhler überzeugt als junger, unbekümmerter Allan, Lothar Hohmann als Diktator Stalin und Fahrradtaxi-Chauffeur Benny, Matthias Zelazko als netter, hilfsbereiter Dieb, Percy von Tomei als Bösewicht-Boss Piranha, Marcel Zehnder als radelnder Kommissar. Brigitta Laube ist die „schöne Frau“ und Elefantenbesitzerin Gunilla, Lea-Sina Bühler unter anderem die strenge Staatsanwältin.

Es gibt einige irrwitzige Szenen, etwa, wenn die schockgefrorene Leiche eines Gangsters aus dem Kühlraum gezogen wird oder einer unter das Hinterteil der Elefantendame Sonja gerät. Wenn der Rüssel aus dem Vorhang herausguckt und Elefantenfladen auf die Bühne plumpsen, ist das voll krass und spaßig inszeniert, wie der rote Rollkoffer mit den 50 Millionen Kronen, den Allan senior hinter sich her zieht, ein gelungener Running Gag ist.

Die Inszenierung ist eine erfrischende Mischung aus Roadmovie, Schelmenstück und Kriminalkomödie. Auch wenn man den Roman nicht gelesen hat, wird man nach dieser Schweizer Erstaufführung der Meinung sein, dass die Bühnenfassung der Romanvorlage in nichts nachsteht.

von Jürgen Scharf