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Schwarzer Humor - im wahrsten Sinn des Wortes. Slapsticks am laufenden Band. Saukomisch.

Samstag, 22. Dezember 2018

Raffiniertes Verwechslungsspiel

Helmut Förnbacher inszeniert im Badischen Bahnhof in Basel die "Dark Comedy" des britischen Dramatikers Peter Shaffer.

Es funkt, es knallt. Kurzschluss. Blackout. Die Sicherung ist durchgebrannt. Alles stockdunkel. Der junge Künstler Brindsley und seine Verlobte Carol stolpern in der Wohnung umher, tasten mit ausgestreckten Händen durch die Gegend, stoßen sich an den Möbeln an. "Jetzt nur keine Panik, Liebling", beschwichtigt Brindsley, als es wieder scheppert und rumpelt. Der Gag: Während diese Szenen im Dunkeln spielen, ist es auf der Bühne blendend hell, und die Darsteller tun so, als würden sie im Finstern umher tapsen. Und umgekehrt: Bei allen Szenen, in denen es im Stück hell ist oder mal kurz ein Feuerzeug aufflammt, wird es auf der Bühne schlagartig dunkler.

Diesen Effekt der "Komödie im Dunkeln" von Peter Shaffer nutzt die neue Inszenierung im Förnbacher Theater im Badischen Bahnhof Basel wirkungsvoll aus. Helmut Förnbacher inszeniert die "Dark Comedy" des britischen Dramatikers witzig, temporeich und präzise getimt im Wechsel von Licht und Dunkel. Regie, Technik und vor allem die blendend aufgelegten Schauspielerinnen und Schauspieler der Förnbacher-Company setzen die geniale Idee dieses Komödien-Knüllers mit höchst pointiertem Humor um. Es ist ein amüsanter Abend voller Situationskomik und slapstickreifen Szenen, die durch das raffinierte Verwechslungsspiel im (scheinbaren) Dunkeln entstehen.

Förnbacher hat das Stück aus den 60er Jahren an einigen Stellen behutsam aktualisiert. So wird ein iPhone im Goldfischglas versenkt und die Akteure sind ständig auf der Suche nach verschwundenen Handys. Der Plot garantiert turbulente Verwirrung, denn nach dem Stromausfall brennen auch die Sicherungen bei den Akteuren bald durch. Es geht um den ehrgeizigen jungen Künstler Brindsley Miller, der einen milliardenschweren russischen Kunstsammler erwartet und auf einen "Coup" hofft. Außerdem hat sich der Schwiegervater in spe angesagt, der gar nicht einverstanden ist mit der Partnerwahl seiner Tochter. Um die Besucher zu beeindrucken, hat Brindsley die teuren Möbel seines Nachbarn "ausgeliehen", doch zu allem Übel kehrt dieser unerwartet früh von einer Reise zurück.

Hauptdarsteller Falk Döhler als schwer im Schlamassel und Stress steckender Brindsley ist ständig in Aktion. Mit akrobatischem Körpereinsatz und komödiantischem Spielwitz stürzt und stolpert er über Sofa, Sessel und Hocker, verheddert sich im Telefonkabel, stößt sich dauernd irgendwo an, hangelt sich das imposante Treppengeländer hoch und runter, um heimlich die fremden Möbel wieder fortzuschleppen. Wie Döhler diese Täuschungsmanöver, das Anrempeln, Stolpern und Umhertasten spielt, ist umwerfend und artistisch in der exakt getimten Action. Auch Michèle Bielser als seine verwöhnte Verlobte Carol, die angesichts des Tohuwabohus immer hysterischer wird, bewegt sich gekonnt im vorgeblichen Stockfinsteren. Dass sie wunderbar komisch sein kann, zeigt Kristina Nel in der Rolle der schreckhaften, ängstlichen Miss Furnival, die mit ausgestreckten Armen hilflos im Dunkel herumirrt. Köstlich in Mimik und Gestik gibt Nel im rosa Kostüm dieses "späte Mädchen", das sich klammheimlich über den Whiskey hermacht. Bärbeißig und schneidig im Ton mimt Percy von Tomei den Colonel Melkett, der die Kunstwerke seines Schwiegersohns verächtlich kommentiert: "Und das nennt man Kunst?" Süffisant kehrt Lothar Hohmann die affektierten Posen des Antiquitätenhändlers Harold heraus. Und legt einen rasanten Tobsuchtsanfall hin, als er merkt, dass seine sündteuren Buddha-Köpfe zerbrochen sind.

Einen sexy Auftritt hat Lea-Sina Bühler als rachsüchtige Ex-Flamme Clea, die in schwarzen Dessous unterm Herrenhemd ihren Ex-Liebhaber Brindsley umgarnt und von erotischen Spielen im Dunkeln schwärmt. Der Clou kommt schließlich in Gestalt von Matthias Zelazko, der fälschlicherweise für den exzentrischen Russen gehalten wird, aber nur der Elektriker ist. Das hat entlarvende Ironie, wie er wortreich die Kunstwerke des "Genies" Brindsley preist und für erhellende Pointen im Dunkeln sorgt.

Roswitha Frey