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Arsen und Spitzenhäubchen: Der Holunderwein ist angerichtet.

Freitag, 30. November 2018

Kultstück in nostalgischer Verpackung

Was für eine verschrobene Familie! Neffe Teddy hält sich für Präsident Roosevelt und bläst so laut auf der Trompete, dass ständig die Polizei anrückt. Jonathan, das schwarze Schaf der Sippe, hat sich das Gesicht operieren lassen und sieht jetzt aus wie Frankenstein. Ja, und da sind noch die beiden netten Tantchen, die mit ihrem Holunderwein einsame ältere Herren ins Jenseits befördern. Alle diese skurrilen Figuren tummeln sich in der Kriminalkomödie "Arsen und Spitzenhäubchen", die in einer Neuinszenierung der Förnbacher Theater Company in der Theaterhalle im Badischen Bahnhof Basel Premiere hatte. Mit schwarzem Humor und Situationskomik inszeniert Helmut Förnbacher dieses Kultstück von Joseph Kesselring, das ein rabenschwarz-makabres Krimi-Vergnügen bietet.

Das Bühnenbild wirkt nostalgisch mit herrschaftlicher Treppe, altmodischen Sofas, einem Tisch mit Spitzendeckchen und einer Truhe, in der einer der "Gentlemen" der beiden Damen des Hauses liegt. Die Schwestern Abby und Martha Brewster sehen so arglos aus, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Dabei mischen sie gern ein bisschen Arsen, Strychnin und eine Prise Zyankali in ihren Holunderwein, um alleinstehenden Herren, die bei ihnen ein Zimmer suchen, zum ewigen Frieden zu verhelfen. Diese reizenden Tantchen, die jede Menge Leichen im Keller haben, sind Paraderollen für Charakterschauspielerinnen wie Kristina Nel und Suzanne Thommen.

Mit weissem Haar, Dutt, Schmetterlingsbrille, hochgeschlossener Bluse und Blümchenrock spielt Kristina Nel die Abby, die so köstlich geziert tut, zuckersüss lächelt und sich ladylike gibt. Suzanne Thommen als Martha, adrett in Pastelltönen, strahlt etwas Mildes aus, redet so sanftmütig über die Gentlemen, für die sie im Keller Trauerfeiern abhalten. Das Darstellerinnen-Duo spielt die beiden Ladies, die sich keinerlei Unrecht bewusst sind, mit augenzwinkerndem Humor und so bestrickendem Charme, als wäre es das Normalste auf der Welt, zwölf Gräber im Keller zu haben.

Weiterer Star der Aufführung ist Falk Döhler, der mit Verve und unwiderstehlichem Charme den Neffen Mortimer verkörpert, einen Theaterkritiker, der entgeistert ist, als er die Leiche in der Truhe und das giftmörderische Treiben seiner Tantchen entdeckt. Der junge Schauspieler wirft sich voller Elan in diese Figur des Mortimer, der mit ungläubigem Entsetzen hinter das Geheimnis der Brewster-Schwestern kommt. Döhler kostet die Pointen, die Situationskomik, auch das Doppelbödig-Ironische in seinem Spiel voll aus, wenn er als Kritiker Krimis wie "Die Mörder sind unter uns" verreisst und gleichzeitig selbst von mörderischen Gestalten umgeben ist.

Regisseur Förnbacher schürt gekonnt die Spannung in dieser Krimi-Farce mit wohl dosierten Grusel-Momenten. Als entlaufener Mörder Jonathan, der nach 20 Jahren in das Haus seiner Familie zurückkehrt, bringt Lothar Hohmann Horroratmosphäre mit ein. Ganz in Schwarz, mit Frankenstein-Visage, boshaftem Blick und knurrigen Lauten gibt Hohmann diesen finsteren Typen aus dem Schreckens-Kabinett als filmreife Psychopathen-Nummer. Im Schlepptau hat er den Chirurgen Dr. Einstein, den Dieter Mainka als verhuschten Komplizen wider Willen spielt. Die Eindringlinge bringen Krimi-Action ins Spiel. Sehr bühnenwirksam sind die Auftritte von Sveno Walder als Teddy, der ständig mit seiner Trompete die Treppe rauf und runter stürmt und zur Attacke bläst. Percy von Tomei zeigt sich wandlungsfähig mal als sittenstrenger Reverend, mal als polternder Marshal Rooney. Marcel Zehnder als begriffsstutziger Polizist und Markus Heiniger in einer Travestie-Rolle als theaterliebender Sergeant O‘Hara halten die Zuschauer in dieser pointensicher und witzig gespielten schwarzen Krimi-Groteske ebenfalls bei bester Laune. Einen kleinen Auftritt hat Helmut Förnbacher als Mister Witherspoon, dem die liebreizenden Damen das letzte Glas Holunderwein kredenzen ...

Von Roswitha Frey